Die Fliege
von Julia-Pia Huemer
„Sonnig und warm“
„Zügig und bewölkt“
„Nein ! Sonnig und warm“
„Red keinen Unsinn ! Du bist ja senil!“
„Wundert es dich ? Wir sind in einem Altenheim.“
„Nein, ich bin auf Kur!“
„Natürlich, seit fünf Jahren schon, oder wie?“
„Mir gefällts halt.“
„So ein Blödsinn – bei dem Fraß, der uns hier aufgetischt wird. Uhhh! Sieh an, sieh an -
der Alte macht auch wieder mal eine Runde.“
„Sehr anmutig wie immer, unser Herr Doktor.“
Die alten Damen klapperten anzüglich und belustigt mit ihren Schiebwägelchen- Herr
Doktor lief vorbei.
Um Missverständnissen vorzubeugen – Herr Doktor heißt nur Herr Doktor ist aber keiner -
also kein Doktor. Um genau zu sein hat er den Namen nu deshalb, da alle Verwandten vor
ihm den richtigen Doktor Titel trugen – somit also auch anerkannte Doktoren und rinnen
gewesen sind.
„Auch wieder mal heraus aus der Koje- der edle Herr?“
„Sie werden sich doch wohl nicht unters Fußvolk begeben?“
„Lacht nur spöttisch ihr alten Weiber. Außerdem seid ihr nicht mal mehr ein Fuß- sondern
ein klapperndes Rostwägelchenvolk – 1 km gegen den Wind, bevor man euch überhaupt
sieht ergreift man die Flucht- da das Quietschen eurer rostigen Fahrgestelle gemischt mit
euren bizarren und skurielen Stimmen ein dermaßen unerträgliches Geräusch ergibt, dass
man am liebsten sterben oder sich die Ohren abschneiden möchte. Wundert es euch denn
noch immer wieso sämtliche Plätze bei eurer Ankunft leer sind? Sogar die Pfleger sehen
zu, dass sie Land gewissen sobald sie euch hören und übergeben euch immer den neuen
Pflegern um verschont zu bleiben!“
„Was für Pfleger ? Agathe, meint er die Kur-Betreuer?“
„Sie, Sie, Sie Flegel! Was glauben Sie eigentlich wer Sie sind? Komm Thilde, dass lassen
wir uns doch nicht gefallen, von so einem arroganten Eigenbrüter wie dem da!“
Und sie quietschten ab.
Selbstzufrieden blickte der Herr Doktor auf die verschwindenden Damen, zuckte bei
diesem und jenem Quietscher noch etwas zusammen, und schreitete förmlich weiter.
Tatsächlich war er einer der seltenst gesehenen Spaziergänger – die Pfleger dankten es
ihm, da sie sich vor ihm eher fürchteten. Jeden Abend, wenn ein Pfleger das Abendbrot zu
ihm brachte, erzählte er eine neue angsteinflößende Geschichte über sich:
„Ich war ein mal Totengräber – und wenn man das einmal vom Beruf her macht, ist es
keine Schwierigkeit auch „andere“ Leichen zu begraben“
„Ich war bei der U-Boot-Flotte – fragen Sie nicht wie es aussieht einen Mensche unter
Wasser zu töten!“
„Ich war immer sehr begehrt bei den Frauen – keine von meinen Geliebten hat mich jemals
wegen eines anderen verlassen.“
So trug es sich zu, dass Herr Doktor jeden Tag allein in seinem Zimmer verbrachte. Der
kurze Moment, wenn die Pfleger das Brot brachten und die inzwischen nurnoch
einmaligen monatliche Visite des Arztes, waren alle Besuche die Herr Doktor verkraften
musste. Aber auch einmal im Monat musste sich Herr Doktor die Beine vertreten und
amüsierte sich dabei gleich noch viel mehr, wenn er auf solche Tratschweiber traf (trat).
Sei es wie es immer schon gewesen sei – Herr Doktor traf Abends wieder in seinem
Zimmer ein und dachte sich, dass bei solch schönen Wetter noch das einmalige im Monat
vorkommende Fensteraufmachen stattfinden könnte.
(Nur zur Information – auch diese Eigenheit bedingte die doch sehr kurzfristigen
Aufenthalte anderer Menschen in Herr Doktors Zimmer)
Was Herr Doktor aber leider an jenem Abend übersah, war dass jetzt gerade die
Stechmückenzeit voran ging und dies bedeutete schon für jeden halbwigs normalen
Bürger, dass Nachts die Fenster geschlossen blieben um nicht der elendigen Qual der
Mücken zu erliegen.
Naja – auf halbwigs normale Bürger würde dies wie gesagt zutreffen – doch die schon sehr
bizarren Gerüche in Herr Doktors Zimmer hielten sogar diese so hinterlistigen Lebewesen
vom Eintritt in dessen Reich ab. Bis auf eine- die durch einen Genfehler weder
Geruchssinne noch Geruchsorgane entwickelt hatte. Jene Mücke feierte es, denn es war
die ideale Chance für sie ein ganz eigenes Opfer für sich gefunden zu haben – an anderen
Abenden musste sie immer zurückstecken, da die große Anzahl der Stechmücken nicht
viel Freiraum ließ – wenn sich ein Opfer fand. Diesen Triumph wollte Sie genießen und
deshalb ließ sie sich still und heimlich in einer Ecke des Zimmers nieder und wartete.
Zehn Uhr. Zeit für eine Opern-Arie. Nicht irgendeine, nein – Carmen. Immer Carmen-
Immer Carmen und immer in voller Lautstärke damit ja alle Bewohner den Klängen dieser
spanischen Schönheit lauschen können.
Herr Doktor legte die Platte in das Grammophon, lehnte sich mit einem Glas Kognak in
seinen Ohrensessel- und lauschte verzückt den Klängen. Um eine herausragende
Performance zu liefern, wartete die Stechmücke auf den Höhepunkt, das bekannte
Titellied der Oper – Sie parodierte als es endlich soweit war einen wilden Stier, schnaubte
und tobte und attackierte Herr Doktors kahlen Kopf. Er schrie auf – der Mathador begann
den Stier (also die Stechmücke) zu jagen – erfasste nur einen Fuß dieser, doch, nein die
Fliege entriss sich seinen Fängen und der Fuß – der riss ab – sie flog weiter-
Im Gefecht, begleitete Carmen den Kampf ums sterben und überleben – Töpfe fielen,
Kissen flogen durch die Luft – der Herr Doktor schnaubte nun wie ein Stier und die Fliege
fiel letztendlich erschöpft auf die sich drehende Platte des Grammophons.
Der Herr Doktor holte aus – die Hand fetzte durch die Luft – auf das Grammophondie
Fliege ist tot.
Als der Herr Doktor sich höhnisch lachend den Schweiß von der Stirn wischte,drehte er
sich um, stieg auf ein Stück Scherbe und stolperte durch sein Zimmer – auf das offene
Fenster hinzu und hinaus.
„Sonnig und warm“
„Zügig und bewölkt“
„Und zwei Stechmücken auf einen Schlag?“
„Ja – zwei Stechmücken auf einen Schlag.“


